Der totale Krieg

Der unvorstellbar grausame und kaltblütige Terrorangriff auf New York, bei dem die Zwillingstürme des World Trade Centers einstürzten, hat alles verändert. Schon wenige Stunden nach dem Attentat machte der hellsichtige Ausspruch die Runde: Es wird nie wieder so sein, wie zuvor.

Wie es aber sein wird, weiß man bis heute nicht. Und so hängen viele an den lieb gewordenen Wahrheiten der Vergangenheit. Da vermutet NRW-Innenminister Fritz Behrens (SPD) ca. 100 Schläfer in Deutschland. 100 zu allem entschlossene Terroristen, die kein Menschenleben, nicht einmal ihr eigenes achten. Doch dann sagt Behrens, der Zugriff auf sie sei äußerst schwierig: ›Die Tatsache, dass man eine Ausbildung in einem Lager in Afghanistan gemacht hat, kann man ihnen nicht vorwerfen.‹ Für Politiker wie Behrens war der Knall in New York scheinbar noch nicht laut genug. Er schläft seelenruhig weiter Seite an Seite mit 100 islamischen Schläfern und wartet darauf, dass sie etwas Kriminelles tun, und sich vielleicht auf ein Atomkraftwerk oder das Bayerwerk stürzen.

Wenn man in den Tagen nach dem Anschlag die Zeitung aufschlug, Radio hörte oder fernsah, so konnte man den Eindruck gewinnen, die größte Sorge der Kommentatoren seien nicht islamische Terroristen, sondern die Amerikaner, von denen man annahm, sie würden nun blindlings zurückschlagen und einen dritten Weltkrieg entfachen. Kaum hatte die NATO den Bündnisfall erklärt, erhoben sich überall Stimmen, die dies entweder kritisieren, oder die Bevölkerung beruhigen wollen: ›Wir befinden uns nicht im Krieg‹ sagte Gerhard Schröder. Der amerikanische Präsident wurde da deutlicher: ›Wir werden jedes Mittel in unserer Macht einsetzen jedes Mittel der Diplomatie, jede Möglichkeit der Geheimdienste, jedes Instrument der Strafverfolgung, jeden finanziellen Einfluss und jede notwendige Waffe des Krieges –, um das globale Netzwerk des Terrors zu zerstören und zu besiegen.‹ Auf Deutsch heißt das: Amerika zieht in einen totalen Krieg.

Doch auch das überhörten fast alle Kommentatoren geflissentlich. Man lobte Bushs Rede, weil er nicht mehr von einem Kreuzzug sprach und betonte, man kämpfe nicht gegen den Islam, sondern gegen Terroristen. Man konnte glauben, der Cowboy Bush hätte im besorgten deutschen Feuilleton nachgeschlagen, um seine Rede zu formulieren. Dass Bush der Welt einen totalen Krieg ankündigte, der sich auf allen Ebenen des Lebens abspielen wird, das wollte bisher keiner begreifen.

Der Krieg des 21. Jahrhunderts

Unmittelbar nach dem Anschlag geisterte der Begriff vom Krieg des 21. Jahrhunderts durch die Medien. Das ist ein Krieg gegen einen Gegner, der sich nicht in Reih’ und Glied aufstellt, sondern aus dem terroristischen Untergrund heraus agiert. Es gibt keine Armeen, die man besiegen kann, keine technisch-logistische Infrastruktur, die man zerstören kann und es gibt kein Volk, das man mit Sanktionen aushungern könnte. Die nationale Raketenabwehr der Amerikaner, dieses letzte strategische Relikt aus den Zeiten des kalten Krieges, wurde am 11. September 2001 als Chimäre entlarvt.

Wir wissen zwar, wie man den Krieg des 21. Jahrhunderts nicht führt, mit welchen Mitteln man aber einen solchen Krieg führen soll, davon haben wir scheinbar nicht die leiseste Vorstellung. Wer sich noch an die Mittel erinnert, die in den 70er und frühen 80er Jahren eingesetzt wurden, um nach Mitgliedern der RAF zu fahnden, kann sich vielleicht mit sehr viel Phantasie ausmalen, wie ein Krieg gegen den internationalen Terrorismus auf globaler Ebene aussehen müsste, wenn man ihn gewinnen will. Der Krieg des 21. Jahrhunderts ist ein totaler Krieg. Er ist nicht deshalb total, weil er die totale Vernichtung des Gegners zum Ziel hat. Er ist total, weil er in alle Lebensbereiche vordringen wird. Es gibt keine Schutzzonen mehr. Die Islamisten sind mitten unter uns, sie verstecken sich nicht in den Bergen Afghanistans, sie leben in den europäischen und amerikanischen Metropolen. Es sind zu allem entschlossene Fanatiker, die eiskalt die Gelegenheit abwarten und dort zuschlagen, wo es niemand erwartet.

Wir sind alle Israelis

Gestern explodierte eine Chemiefabrik in Toulouse, und jeder dachte sofort an einen neuen Terrorakt. Es war zwar nur ein Unfall, wie er, wenn Menschen leichtsinnig werden, immer wieder passiert, doch der Gedanke an einen Terroranschlag islamischer Fundamentalisten würde heute niemand für unmöglich halten. Wir werden uns alle daran gewöhnen müssen, in einem arabischen Moslem eine wandelnde Bombe zu vermuten. Wir alle werden sehr schnell spüren, was ein Israeli seit Jahren empfindet: Angst vor jedem herrenlosen Gepäckstück, Angst vor jedem Menschen, der sich in die Mitte einer großen Menschenmenge drängt.

Das Ende der Spaßgesellschaft

Die multikulturelle Spaßgesellschaft, die seit der Wiedervereinigung keine Feindbilder mehr kennen wollte, muss nun erfahren, dass man selbst für Millionen Moslems ein Feindbild ist und dass vielleicht einige Hundert oder einige Tausend bereit sind, ihr Leben zu opfern, um möglichst viele von uns mit in den Tod zu nehmen.

Die Trümmer in New York rauchten noch, da erhoben sich schon die besonnenen Stimmen, die feinsinnig zwischen dem Islam und den Islamisten, zwischen Gläubigen und Terroristen unterschieden. Es ist in der Tat verlockend, die islamische Welt in naive Wilde auf der einen Seite und verführte Killer auf der anderen Seite einzuteilen. Es ist so überaus bequem, die einen zu verklären und die anderen als Opfer einer gewissenlosen Globalisierung in Schutz zu nehmen. Toleranz aber darf man immer nur dem Einzelnen gegenüber üben, nie gegenüber einer Ideologie oder einer Religion. Das sollte uns die Aufklärung gelehrt haben. Monolithische Religionen und Ideologien führen immer in den Terror. Die Aufklärung darf also nicht haltmachen vor Moscheen. Wir dürfen den Islam nicht aus der Verantwortung für Verbrechen entlassen, die in seinem Namen begangen werden. Wir müssen die islamische Welt immer wieder fragen: Wie war das möglich?

Toleranz gegenüber einzelnen Menschen auf der einen und unerbittliches, kritisches Nachfragen auf der anderen Seite, dies ist eine Aufgabe, die jeder im Kampf gegen den islamischen Terrorismus übernehmen muss. Aber wir werden uns auch fragen müssen, ob wir radikal-islamische Religionsvereinigungen weiterhin in unserem Land tolerieren wollen. Wer die Schläfer enttarnen und unschädlich machen will, der wird ob es ihm passt oder nicht Polizei und Geheimdienste personell und finanziell verstärken müssen. Humanismus und Rechtsstaat hin oder her: wer in einem Ausbildungslager von bin Laden war, muss ausgewiesen werden.

Aber wir dürfen auch nicht zulassen, dass unsere stärkste Waffe im Kampf gegen den Terror stumpf wird: unser Eintreten für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit, unser Streben nach Wohlstand und Fortschritt. Jeder, der in diesen Tagen für diese Werte eintritt, hat den Kampf gegen den Terror aufgenommen. Denn es sind genau diese Werte, die die Terroristen bekämpfen wollen.

Kriegserklärung an die zivilisierte Welt

Gerhard Schröder nannte im ersten Schock die Terroranschläge eine Kriegserklärung an die zivilisierte Welt. Umgehend wurde er deshalb kritisiert, weil dies angeblich impliziere, dass Moslems nicht zur zivilisierten Welt gehörten. Heute, einige Tage nach den Anschlägen, steht fest, dass Menschen aus 62 Nationen, Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen, Christen, Juden, Moslems und Atheisten unter den Trümmern des World Trade Centers begraben wurden. Die Worte Schröders haben sich auf bitterste Weise bestätigt.

Schröder hat den Islam nicht aus der zivilisierten Welt ausgegrenzt. Da sich die Terroristen jedoch auf den Islam berufen, steht auch die islamische Weltreligion vor einer neuen Herausforderung. Als die Deutschen von den Verbrechen in Auschwitz erfuhren, schämten sie sich. Und dann sagten sie: Nie wieder! Die Christen schämten sich für die Verbrechen der Kreuzritter und der Inquisition und sagten: Nie wieder! Und auch der Islam gehört erst dann zur zivilisierten Welt, wenn er sich für seine Verbrechen schämt und sagt: Nie wieder! – Solingen den 23. September 2001

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