Doris, Mutter der Nation

Doris Schröder-Köpf legt sich zurzeit mächtig ins Zeug, um Inge Meysel in ihrer Paraderolle der Mutter der Nation zu beerben. Dazu eifert sie fleißig ihrem Mann nach, diesem unerschöpflichen Quell populistischer Spruchweisheiten.

Was wären wir bloß ohne die Schröders, die uns immer wieder mit Bismarckscher Geste die Leviten lesen. Wahrscheinlich würden wir ohne die Ordnungsrufe aus Berlin ein völlig verwahrlostes Volk aus faulen Arbeitslosen, die es sich im Freizeitpark Deutschland und vor dem Fernseher gemütlich machen und ihre Kinder falsch bzw. gar nicht erziehen. So aber reichen uns die Schröders ihre harte Hand, mit der sie uns sonst regieren, um uns auf- und abzurichten.

Doris Schröder-Köpf ist nicht nur spillerig dürr, sie hegt und pflegt auch ungewöhnlich flache Gedanken in ihrem Köpfchen. So meinte sie neulich in der Bildzeitung, dass wir unsere Kinder strenger erziehen müssten. Die ganze Palette der Sekundärtugenden, auf die sich auch Helmut Schmidt in Ermangelung von primären Tugenden so gerne berief, wie Pflichtgefühl und Höflichkeit sollen wir unseren Kindern zuvörderst beibringen. Eine Forderung, die selbst in SPD-Kreisen so lange ihre Runden in den Tiefen der Stammtische machte, bis sie urplötzlich mal wieder in der Bildzeitung auftaucht.

Nun kommt es, wie es kommen musste. Jeder, der das Glück oder Pech hat, prominent zu sein, darf in der Bildzeitung sein persönliches Erziehungsprogramm verkünden. Alle Vorbilder, die uns noch geblieben, sind dort versammelt. Petra Gerster zum Beispiel legt Wert darauf, dass ihre Kinder wenigstens ›bitte‹ und ›danke‹ sagen können. Ein Bildungsideal von geradezu genialer Schlichtheit! Zudem sei sie als Achtjährige für den Tierschutzverein mit der Sammelbüchse von Tür zu Tür gelaufen. Sollen nun also die faulen Arbeitslosen ihren Kindern die Worte ›bitte‹ und ›danke‹ beibringen, eine Sammelbüchse in die Hand drücken und auf Arbeit schicken? Günter Jauch, der stets junvenile Nestor der infantilen Wissensgesellschaft, hat sich dagegen in seinem Erziehungsprogramm eine wahrhaft herkulische Aufgabe vorgenommen. Er möchte seinen Kindern beibringen, dass Geld nicht alles ist. Vorsichtshalber verbietet er deshalb seinen Sprößlingen, dem Vater bei der Arbeit zuzuschauen. Stoibers Erziehungsideal, perfekt durchgetextet von seiner PR-Abteilung, liest sich wie das christlich-soziale Parteiprogramm aus dem seltsamerweise auch Wolfgang Clement, Vater von fünf Töchtern seinen PR-Strategen zitieren lässt. Allein Rudi Nationale sieht das alles ganz locker. Bei ihm dürfen die Kinder am Wochenende auch schon mal länger aufbleiben. Wenigstens er, der Rächer von Wembley, verschont uns mit einer Liste Schmidtscher Sekundärtugenden, wofür wir ihm wohl dankbar sein müssen, falls sich nicht herausstellt, dass er gemeinsam mit Christoph Daum schon mal eine line gezogen hat.

Wenn so viele moralische Erbaulichkeiten den dumpfen Geist des Volkes erleuchten sollen, darf sich eine Angela Merkel natürlich nicht lumpen lassen. Sie erinnert sich mit Wehmut daran, wie schön es doch war, als alle Kinder noch in diesen feschen blauen Hemden durch die Straßen marschierten, und fordert die Einführung von Schuluniformen, um den Chorgeist zu fördern.

Hoffen wir, dass dieser moralinvolle Kelch bis Muttertag geleert ist, damit sich der Bundestrainer wieder auf die Fußballweltmeisterschaft konzentrieren, Merkel rechtzeitig Rücküberweisungsaufträge ausfüllen, Jauch gegen den Materialismus zu Felde ziehen, Gerster versprecherfrei die Nachrichten aufsagen kann und die Sekundärtugendbolzen Clement, Stoiber und Schröder endlich Zeit finden, eine einzige kleine Primärtugend zu erlernen: die Selbstkritik. Dann darf Doris meinetwegen auch ihr eigenhändig illustriertes Lehrbuch der rechten Erziehung schreiben. – Solingen den 10. Mai 2001

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