Fiesta Mexicana

Wenn mir jemand drei Stunden lang ein Endlosband von Rex Gildos ›Hossa! Hossa! Fiesta Mexicana‹ vorspielen würde, spränge ich garantiert nach 30 Minuten aus dem nächstbesten Fenster. Wie viel mehr Grund zu springen, hat da jemand, von dem man auch noch erwartet, dass er dieses Liedchen andauernd mit zahnkronenbewehrtem Lächeln bei der Eröffnung von Einkaufszentren einem unersättlichen Publikum aus plastiktütenbewehrten Rentnerinnen vorsingt?

Wer ein Leben lang Rex Gildo war, hat vielleicht nicht nur seinen bürgerlichen Namen vergessen, sondern auch die Fähigkeit, morgens in den Spiegel schauen zu können. Dabei braucht sich Rex Gildo nun wirklich keine Vorwürfe zu machen, die Kulturfähigkeit des deutschen Volkes fundamental in Frage gestellt zu haben. Wenn nicht Rex Gildo uns mit aufgesetztem Schwung und Lustigkeit terrorisiert hätte, dann hätte es ein anderer getan, ein Tony Marschall, ein Roy Black oder ein Roberto Blanko.

Uns wäre mit Sicherheit kein Hossa erspart geblieben. Aber vielleicht wäre aus Ludwig Alexander Hirtreiter ein ordentlicher Kfz-Mechaniker geworden, der nun mit 60 seine wohlverdiente Frührente glücklich und zufrieden im Kreis seiner Lieben genießen könnte, wenn er eben nicht auf diesen unseligen Einfall mit dem Künstlernamen verfallen wäre, dessen italo-angelsächsischer Klang ganze Heerscharen von zu spät gekommenen Ladenmädchen in den 70er Jahren um ihr bisschen Verstand brachte.

Und genau an diesem Punkt wird das Schicksal des armen Schlagersängers zum bedeutungsvollen Gleichnis für unsere Politiker. Denn es ist mit dem deutschen Schlager wie mit der deutschen Exportpolitik. Wenn Gildo nicht gesungen hätte, hätte es ein anderer getan. Wenn wir keine Panzer liefern, tun es die anderen. Für Türken und Kurden läuft doch alles im Prinzip auf dasselbe hinaus. Sollte man deshalb aus idealistischen Ressentiments den Kurden verweigern, sich von etwas Schlechterem als von deutscher Wertarbeit massakrieren zu lassen? Allein für uns kleine Rex Gildos könnte es, wenn wir mit sechzig in den Spiegel schauen, einen Unterschied machen, ob wir ein Leben lang – Hossa! Hossa! Hossa! – Waffen in Krisengebiete exportiert haben oder nicht.

Einer der größten Rex Gildos unter uns, der Fischer Joschka, ahnt zwar auch schon die Schatten der späten Reue und verkündete vor kurzem, dass er in zehn Jahren sowieso von der Bühne abtreten und den menschenrechtsbesorgten Außenminister nicht mehr spielen wolle, aber bis dahin kann es schon zu spät sein. Denn wenn die Türken auf den Leopard II so abfahren, wie die Mauerblümchen der 70er Jahre auf Rex Gildo, dann kennt die Begeisterung und die Arbeitsmarktpolitik kein Halten mehr, dann wird der Panzer ein Exportschlager; werbewirksam verpackt in Menschenrechtsversprechen wie Gildo in seine Sonnenbankbräune. Hossa! Hossa! Hossa! Bis dann Joschka Fischer sich mit 60 an Rex Gildo ein Beispiel nimmt und aus einem toskanischen Badezimmerfenster in die Tiefe springt. – Solingen 25. Oktober 1999

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