Die italienische Reise. Teil 1

Wohlklang der Sprache

Gut, dass ich mein Handy mit in den Urlaub nach Italien genommen habe, denn ohne Handy hätte jeder Italiener in mir sofort den nordischen Vandalen erkannt, der sich bloß tumb und plump im warmen Schoße der Kultur sudeln möchte. Jeder Italiener besitzt nicht nur mindestens ein Handy, nein er benutzt es auch noch überall. Als telekomgeschädigter Barbar des Nordens beneidete ich die Italiener zunächst um ihre vermeintlich günstigeren Telefontarife, doch bald wurde mir klar, dass das Handy für den Italiener weder ein Statussymbol noch ein bloßes Kommunikationsmittel ist. Nein, es hilft dem Italiener, seine Kultur hemmungslos auszuleben.

Der Italiener hört sich bekanntlich gerne reden, was man ihm wegen des melodischen, opernhaft dramatischen Klang der italienischen Sprache auch nicht verdenken darf. Der Italiener trägt sein Herz auf der Zunge, und es will ununterbrochen und höchst elastisch pulsieren, kontrahieren und konvulsieren. Daneben gilt aber für jeden Italiener das eherne Gesetz ›Fare bella figura‹. Egal was der Italiener tut, und sei es die niedrigste Verrichtung, er möchte dabei immer eine gute Figur machen. Nun gibt es aber nichts Lächerlicheres als einen Menschen, der mitten auf der Straße steht und sprachverliebt bis über beide Ohren in klangvollen italienischen Vokalen und Konsonanten deklamiert. Es sei denn, er telefonierte.

Und so verwundert es niemanden, der in die gefälligen Täler der italienischen Seele geblickt hat, dass man überall telefonierende Italiener erblickt: auf der Straße, in Geschäften und Restaurants, ja sogar am Strand und auf dem Klo. Kein Ort nirgends, wo nicht das nervöse, digitale Wimmern eines Mobiltelefons, die Ouvertüre für eine wortreiche Sprechoper abgibt. In jedem Italiener rumort ein Rhetor, der nun dank seines Handy seine Stentorstimme überall hören lassen darf, ohne vor Scham im marmorhaltigen Boden versinken zu müssen.

Der Italiener trägt sein Handy vorzugsweise am Gürtel in einem Spritzwasser abweisenden Etui. Die Italienerin versteckt es im modischen Handtäschchen. Und weil der Italiener das Zierliche liebt, sind die Handys in Italien auch besonders klein und handlich. Ich, der ich nur ein klobiges Motorola Dual-Band-Handy mein eigen nenne, traute mich kaum, öffentlich zu telefonieren. Und ich musste jedesmal zweimal hinsehen, wenn es irgendwo klingelte, weil ich glaubte, die schwarzhaarige, vollbusige Schönheit neben mir im Liegestuhl würde mit ihrem kleinen rotlackierten Finger telefonieren.

Welch ein Unterschied zum verklemmten Deutschen, der nicht weiß, ob er sich für das labbrige Klingeln seines Handys schämen, oder locker sein handliches Statussymbol ans stolz geschwellte Ohr halten soll, um dann leise und gehemmt irgendwas wie »Ja Schatz, bin schon auf dem Weg« vor sich hin zu nuscheln.

Italienische Reisen, so will es das dichterfürstliche Vorbild, müssen inspirierend sein. Und so hat auch mich die Muse in der Toskana geküsst und mir zugeraunt: Gehe auf die Marktplätze der Republik und erwecke den alten Minnesang zu neuem Leben. Nimm ein Handy mit, ruf deinen Anrufbeantworter an und singe, Sänger!

Wenn Sie, lieber Leser, liebe Leserin, demnächst in der Stadt aus der Mitte eines Menschenauflaufs die Deklamation der Ostochtersumer Gedichte vernehmen, so könnte es sich dabei um mich und mein Handy handeln. Wir sind leicht zu erkennen: das Handy ist ein teutonisch klobiges Teil, und ich bin der rote Kopf daneben.

Vielleicht sollte ich die Gedichte aber auch ins Italienische übersetzen lassen…– Solingen 6. Juli 1999

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