Ökologie der Gedanken

Es gibt Gedanken, die vom Aussterben bedroht sind, weil der Lebensraum, in dem sie gedacht werden können, zerstört wird. Man wird für Gedanken Reservate einrichten müssen oder wenigstens Museumsvitrinen, damit künftige Generationen überhaupt von ihrer Existenz erfahren.

Es sind Gedanken, die sich nicht so nebenbei, so obenhin denken lassen, die sich scheu in Gegenden zurückziehen, in denen sie nicht vom Geschrei der Marktplätze, nicht von der hysterischen Aufgeregtheit der Medien verscheucht werden.

Es sind Gedanken, die sich nicht leicht und unbeschwert denken lassen, Gedanken, zu denen man sich mühsam ein halbes oder ganzes Leben lang hinauf- oder hinabdenken muss.

Es sind Gedanken, die so vollkommen an ihren Lebensraum angepasst sind, dass sie vergehen, wenn der Raum, in dem sie gehegt und umsorgt wurden, von den Menschen verlassen wird. Klostergedanken, Wald- und Wüstengedanken, Berg- und Seegedanken. Und Gedanken der Bruderschaft.

Es sind Gedanken, deren Sterben wir kaum bemerken, weil wir meinen, unser Kopf sei so angefüllt mit wichtigen und dringenden Gedanken. Eben noch glaubten wir, sie lägen gut verschlossen in einer nie benutzten Lade, doch kaum öffnen wir sie, ist sie leer und von den Gedanken, die wir glaubten dort zu finden, blieb keine Spur. Vieles versank so in dunklem Vergessen. Viel mehr Gedanken können aber noch nicht einmal vergessen werden, weil sie nie gedacht wurden. Und wie sollen wir Gedanken vermissen, die uns nie heimsuchten?

Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Das war ein weiter Weg. Doch wir Jetztmenschen müssen viel weiter gehen, weil zum Gebirge heute eine Straße führt. – Solingen 30. Januar 1999

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