Walser, übernehmen Sie!

Ach hätten die deutschen Bischöfe doch gegen Zyklon B mit der gleichen Entrüstung gepredigt, wie gegen RU 486, dann würde vielleicht noch jemand auf sie hören. Doch statt damals gegen Verfolgung und Massenmord zu protestieren, geifern sie heute gegen die Abtreibungspille, die zwar aus einer Abtreibung kein Gott gefälliges Werk macht, aber – und das scheint die Herren der Kirche besonders zu ärgern – die Rache Gottes an Eva (›Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst‹) ein wenig abschwächt. So ist das mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, könnte man den Klerikern zurufen: Die Medizin lindert, wo immer sie kann, die Geißeln, die uns Menschen von einem bösartigen Gott gesandt wurden.

Glaubwürdig ist nur der, das müssten die christlichen Oberhirten eigentlich wissen, der wie der Nazarener ein Beispiel gibt. Vielleicht boykottieren die Schafe ja die Abtreibungspille und lassen sich lieber ausschaben, wenn sie sehen, dass auch ihre Hirten eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt ohne Betäubung über sich ergehen lassen. Und vielleicht werden sie zur Umkehr motiviert und tragen ihre Kinder aus, wenn sie sehen, dass ihre Bischöfe und Kardinäle auf jeglichen technischen Fortschritt verzichtend, sich von Wurzeln und Würmern ernähren und sich an den Lagerfeuern der Obdachlosen wärmen.

Nun ich will den aufrechten Christen nicht Wasser predigen, während ich selbst Sprudel trinke. Was aber machen wir mit dem Herrn Meisner aus Köln, der der weiblichen Hydra des Nationalsozialismus den Kopf abschlagen will. Da kann man eigentlich nur noch sagen: ›Walser, übernehmen Sie!‹– Solingen 9. Januar 1999

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