Die letzten Helden oder Warum die Sudelei gestern ausfiel

Viele werden sich gewundert, gefreut, geärgert haben, dass ich gestern nichts gesudelt habe. Spötter dachten vielleicht, mir sei die Luft ausgegangen nach den anstrengenden Gedanken über Zukunft und Vergangenheit oder mir würde einfach nichts mehr einfallen.

Weit gefehlt. Ich erlebte gestern ein nervenzermürbendes Abenteuer, einen das Blut in den Adern einfrierenden Krimi, ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Lange Zeit stand es auf Messers Schneide, riskierte ich Kopf und Kragen, um meinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Aber vielleicht sollte ich da anfangen, wo alles anfängt, bei dem Wunsch seinen Computer aufzurüsten.

Vorgestern Abend kam ein Freund vorbei, um auf meinem Rechner ein neues Betriebssystem und eine Zumutung zu installieren: Linux und Windows98. Als er in der Tür stand, wusste ich, es würde eine harte Nacht werden. Ich sagte ihm, dass meinem alten Betriebssystem, NEXTSTEP, nichts zustoßen dürfe, denn mit ihm muss ich in den nächsten drei Wochen zehn Scheine verdienen. Er klopfte mir mit einer beruhigenden Zen-Geste auf die Schulter: »Mach’ dir keine Sorgen.«

Wir schraubten meinen Computer auf, bauten eine neue Festplatte ein und installierten eine ISDN-Karte. Er begann, Windows98 zu installieren, denn dann habe man das Schlimmste hinter sich.

Seitdem weiß ich, was ein tragischer Held ist. Nicht Wörns, der vom Platz fliegt, oder Becker, der seinen Schläger zertrümmert, oder Jan Ullrich, der in einer Pfütze landet. Nein! Es ist der Systemadministrator, der Windows installieren muss, der hilflos zuschauen muss, wie sich die Lemminge alle in den Nervenzusammenbruch stürzen. Aber ich will nicht langweilen. Um es kurz zu machen. Tief in der Nacht war zwar Windows98 installiert, aber es war nicht dazu zu bringen, mit meiner Number9-Grafikkarte zusammenzuarbeiten.

Wir gaben auf und sagten dem Rechner, er solle über Nacht Linux installieren, drückten einen Knopf und gingen schlafen.

Am nächsten Tag, also gestern, wo die Sudelei ausfiel, erledigte mein Freund schnell die Feinheiten der Linux-Installation, während ich immer unruhiger wurde. Windows installieren, Linux installieren, das sind Kindereien im Vergleich zu dem, was uns nun bevorstand. Auf ein und demselben Rechner sollten zwei Betriebssysteme und die Zumutung laufen. Das bedeutete, er musste in den root-Sektor meiner NEXTSTEP-Platte eindringen und dort ein paar Befehle eintragen.

Endlich war es soweit. Er fuhr den Rechner runter und startete neu. Nach kurzer Zeit fragte der Rechner nach: nextstep, linux oder win? Wir starteten NEXTSTEP, das uns mit einigen Fehlermeldungen begrüßte. War die SCSI-Platte mit all meinen Daten abgeschmiert? Störte die ISDN-Karte? Mein Freund behielt die Nerven, während ich jaulend in der Ecke kauerte und nichts mehr sehen wollte.

Ein Kunde rief an. Ich mobilisierte meine letzten Kräfte, um freundlich und sachlich wie immer mit ihm zu sprechen. Neben mir änderte der letzte Held der westlichen Zivilisation I/O-Adressen und kontrollierte die Interrupts. Es war einfach die Hölle.

Schnell war der Schuldige gefunden. Die I/O-Adresse der zweiten seriellen Schnittstelle, an der mein Faxmodem hing, geriet irgendwie in Konflikt mit der ISDN-Karte. Ich wusste, was das bedeutete. Jetzt musste ich mit ran, um die Treiber-Konfiguration unter NEXTSTEP zu ändern. Ich nahm die Herausforderung an, verschob einen Geschäftstermin um eine Stunde und startete das Configure.app. Wir studierten die Einträge. Mein Freund lehnte sich zurück, schloss die Augen und dachte nach. Dann sagte er plötzlich: Setz’ die I/O-Adresse eins höher. In manchen Situationen im Leben darf man einige Sachen einfach nicht hinterfragen, sagte ich mir und tat es einfach. Runterfahren, hochfahren und die Startmessages verfolgen. Das sieht sehr gut aus, sagte er und wirklich: NEXTSTEP fuhr hoch und alles funktionierte.

Nachdem NEXTSTEP nun wieder lief und auch das Faxmodem wiederfand, galt es, die anderen Betriebssysteme an die neue Konfiguration anzupassen. In Windows98 empfing uns wieder das blödsinnige Startgedudel. (Von Musik haben die in Redmond auch keine Ahnung.) Nach dem Ändern der Einträge verließen wir es schnell wieder und fuhren Linux hoch, um auch dort die neuen I/O-Adressen bekannt zu machen.

Dann stürzten wir aus dem Haus. Er um nach Darmstadt zu fahren. Ich zu meinem Geschäftstermin nach Köln. – Solingen 7. Juli 1998

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