Ohne Menschheit kein Mensch

Ein unscheinbarer Nominalsatz aus meinem Buch über die Soziale Plastik begrüßt die Besucher meiner Autoren-Homepage: Ohne Menschheit kein Mensch.

Wer das Buch, aus dem diese Maxime stammt, gelesen hat, versteht seine Bedeutung. Auch den Lesern des kleinen, spekulativen Aufsatzes »Demeter und die Allmende des Sein« dürfte der Satz etwas sagen. Allen anderen möchte ich hier kurz erklären, was damit gemeint ist.

In vielen Religionen und Kulturen wird der Mensch als das Geschöpf einer höheren Macht verstanden. In der griechischen Mythologie wurden die Urbewohner eines Landes als Autochtone, Erdgeborene, bezeichnet und in genealogischen Reihen führte jedes Geschlecht seinen Ursprung auf einen Gott oder eine Göttin zurück. Die indigenen Völker Südamerikas verehren Pachamama, die Erdmutter, die allen Kreaturen Leben schenkt. Und Christen bezeichnen sich als Kinder Gottes. Die Reihe der Beispiele lässt sich beliebig fortsetzen. Überall auf der Welt und zu allen Zeiten betonten die Menschen in ihren Mythen und Religionen ihre Geschöpflichkeit und damit ihren Bezug auf einen Schöpfer. Der griechische Philosoph und orthodoxe Theologe Christos Yannaras fasst diese Bezüglichkeit der menschlichen Existenz in dem Begriff der relationalen Ontologie zusammen.

In einer relationalen Ontologie wird Seiendes nicht durch seine Substanz definiert, sondern durch seine Relationen, seine Bezüge auf anderes Sein. In der Substanz-Ontologie wird dagegen jedem Seienden ein fester, ureigener Bestimmungskern zugedacht, der immer gleich bleibt und sein Wesen ausmacht. Alle anderen Bestimmungen sind gegenüber der Substanz, als dem Wesentlichen, zufälliger Natur. Die Substanz-Ontologie geht auf Plato und Aristoteles zurück, fand durch die mittelalterliche Scholastik Eingang in die moderne Philosophie und prägt bis heute das europäische Denken.

Sobald man das Wesen eines Seienden im Seienden selbst sieht, verliert seine Geschöpflichkeit ihren bestimmenden Charakter und wird in letzter Konsequenz, wie jede andere Relation auch, zu einer zufälligen Bestimmung des Seienden, die auch weggelassen werden kann. Im europäischen Denken wird der Mensch schließlich als Individuum, also als Einzelwesen, bestimmt, das als Substanz seiner selbst in freier Selbstermächtigung handelt und in seinem Wesen von keiner höheren Macht mehr abhängig ist. Das Andere seiner selbst sinkt zu einer zufälligen Bestimmung herab, die je nach Hinsicht als Natur oder Gesellschaft bestimmt wird. Das Individuum steht zwar in einem konfliktreichen Verhältnis zur Natur und zur Gesellschaft, aber es wird weder durch die Natur, noch die Gesellschaft bestimmt. Die Natur wird durch Wissenschaft und Technik bezwungen und dienstbar gemacht. Und die Gesellschaft durch Verträge in eine auf das Individuum bezogene Struktur gebracht. Die Widersprüchlichkeit dieser Ordnung wird nur noch in extremen Situationen erfahren, wenn die Natur sich nicht mehr bändigen lässt und ihre brachiale Übermacht in Naturkatastrophen oder dem unvermeidlichen Tod des Individuums erfahren wird. Die nicht regelbare Macht der Gesellschaft kommt in Krisen und Kriegen zum Vorschein, wenn der Einzelne in das Räderwerk anonymer Mächte gerät und von ihnen zermalmt wird.

Das Individuum, das sich als das Wesen des Menschen begreift, kann daher zum Sein des Anderen nur ein negatives Verhältnis haben, indem es das Sein durch Technik, Wissenschaft und Gesetze nichtet. Die Absurdität und Hybris dieser Negation wird zwar sofort augenfällig, wenn man sich ein Individuum ohne Natur und Gesellschaft vorstellt, was schlechterdings unmöglich ist, dennoch bestimmt diese Negation unser Leben und macht es damit zu einem falschen Leben.

In ›Demeter und die Allmende des Seins‹ habe ich gezeigt, dass die scheinbar natürliche Existenz unserer Getreidesorten ein generationenübergreifendes Werk der Menschheit war und wir ohne die Arbeit der Generationen, die uns voraus gingen, nicht einmal in der Lage wäre, eine so einfache und ursprüngliche Tätigkeit wie das Brotbacken auszuführen. Während ich dies schreibe und der Leser dies liest, hängen wir beide von dem Funktionieren einer höchst komplexen Technik ab, die auf den Erfindungsreichtum Dutzender Generationen zurückgeht und von ungezählten Menschen auf diesem Planeten in Gang gehalten wird. Als Arbeitsteilung haben wir dieses unüberschaubare Gemeinschaftswerk unserer aufs Individuum bezogenen Sichtweise zugänglich gemacht.

Der Satz ›Ohne Menschheit kein Mensch‹ soll daran erinnern, dass unser Wesen nicht im Individuum wurzelt, sondern in unserer Beziehung zu anderen Menschen, zur Gesellschaft, zur Welt. Ohne die Menschheit wäre jeder von uns buchstäblich nichts. Wir sind Geschöpfe der Menschheit, der wir alles verdanken.