Mack@Cragg oder Erde und Welt

Wer Werke von zwei gegensätzlichen, fast antipodischen Bildhauern sehen möchte, muss in den Skulpturenpark Waldfrieden nach Wuppertal fahren. Dort treffen die Skulpturen von Heinz Mack auf die des achtzehn Jahre jüngeren Tony Cragg.

Von den vielen Gegensätzen sei nur einer erwähnt, der nicht sofort ins Auge fällt. Während Tony Cragg mit großer Virtuosität die Symmetrie vermeidet, ist sie bei Mack ein nahezu unvermitteltes, fast naives Stilmittel.

Im Pavillon ganz oben, knapp unterhalb des Bergrückens, den der Park fast erreicht, sind Marmorplastiken von Mack ausgestellt. Von diesen geometrisch bearbeiteten Marmorblöcken sind einige glatt poliert und haben geschlossene Oberflächen. Die meisten Blöcke weisen aber Bearbeitungsspuren auf, die Form verläuft sich in vorbearbeitetes Material, dessen Makel als ästhetische Elemente ausgestellt werden. Mack lässt uns spüren, dass die wunderbare Struktur des Marmors, diese in Millionen Jahren gewachsene und in ebenso vielen Jahren versteinerte Lebensschicht eines vorzeitlichen Meeres, erst durch die Bearbeitung des Menschen zum Vorschein kommt.

Die geometrischen Formen, die Mack in den Marmor sägt, die willkürliche Form, die aus dem Material eine Skulptur schneidet, findet ihre Fortsetzung oder besser gesagt ihren Ursprung in den rohen Kanten und Flächen des Marmorblocks, die beim Heraussprengen im Steinbruch entstanden sind. Vom verpuppten David, den der Renaissancemeister im Marmor erblickte und freilegte, bleibt nichts als eine Plattitüde. Mack legt die Dialektik der Bildhauerei frei, die eine natürliche Gesteinsschicht, die seit Millionen Jahren unverletzt in der Erde ruht, mit roher Gewalt aufbrechen und in Bruchstücke zerbrechen lässt, um Werke zu schaffen, die eine Ganzheit beanspruchen, die nie an die ursprüngliche des Marmors tief unter der Erde heranreicht.

In den Werken, die in den beiden anderen Pavillons ausgestellt werden, bedient sich Mack zeitgenössischer Materialien wie Aluminium oder Glas. Diese Erdstoffe wurden aus ihrem natürlichen Reservoir in langen Prozessen herausdestilliert, sodass erst gar keine dialektische Spannung auftreten kann, die seinen Marmorskulpturen ihre Kraft verleihen. Die Stahl-, Glas- und Aluminiumstelen sind glänzende Affirmationen. Darin liegt vielleicht das Zeitgenössische von Mack, das am Marmor seinen Meister findet.

Bei Tony Cragg sehen wir die gegenläufige Bewegung. Er schuf sich eine Formenwelt, in dem das Material, die Erde wie Heidegger sagt, keine Rolle mehr spielt, nicht einmal dann, wenn der Betrachter in einem Werk vom Wind bearbeitete Felsen erblickt.

Der Skulpturenpark, den ich dem Leser ans Herz legen möchte, ist selbst ein Werk von Tony Cragg, der es immer wieder schafft, Künstler, die so ganz anders sind als er, für seine Pavillons und Buchenlichtungen zu gewinnen. Kunstkenner werden nun einwenden, dass große Künstler sich immer fundamental voneinander unterscheiden, da zur Größe die Einzigartigkeit gehört. Dem will ich nicht widersprechen.

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