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Dann entstehen die Strukturen von selbst

erstellt von Jan Ulrich Hasecke zuletzt verändert: 08.01.2012 13:10
Die Piratenpartei ist eine struktur- und hierarchieaverse Partei. Aus gutem Grund. Sie will nicht so werden wie die anderen Parteien. Doch um gegen die Strukturen der Politik zu bestehen, braucht man starke eigene Strukturen, sonst entstehen die Strukturen informell von selbst.

Hierarchien sind böse

Strukturen und Hierarchien sind in der Piratenpartei verpönt. Alles soll von allen beschlossen werden. Die Basis hat das Sagen. Die Vorstände haben politisch nichts zu melden. Sobald sie sich politisch äußern, bricht ein Shitstormüber sie herein. Doch nicht nur der Vorstand ist ein politisches Neutrum, auch die Untergliederungen haben eine unklare Position. Die Landesverbände können zwar eigene Programme verabschieden. Aber die Orts- und Kreisverbände erscheinen lediglich organisatorische Gliederungen zu sein, die kein eigenes politisches Mandat haben. So ist und bleibt das Zentrum der politischen Willensbildung der Parteitag, zu dem jedes Mitglied anreisen darf.

Das Programm der Partei wird teilweise in Arbeitsgruppen und Arbeitskreisen erarbeitet, die jedoch in der Satzung nirgends erwähnt werden. Ebenso wenig wird Liquid Feedback in der Satzung erwähnt.

Amorphe Basis, unmündiger Vorstand

Die Struktur der Piratenpartei ist daher problematisch. Es gibt auf der einen Seite die amorphe Basis, die als einzige legitimiert ist, per Mehrheitsbeschluss auf den Parteitagen politisch aktiv zu werden. Auf der anderen Seite gibt es einen poltisch unmündigen Vorstand, dessen Aufgaben milde formuliert unklar sind. Dazwischen gibt es nichts. Das war so lange unproblematisch, wie sich niemand für die Piratenpartei interessierte. Seit dem Einzug der Piraten in die Berliner Landesvertretung ist das anders. Heute muss der Vorstand nahezu täglich in der Öffentlichkeit zu aktuellen Fragen Stellung beziehen. Die Äußerungen einzelner Personen im Vorstand werden plötzlich zu Positionen der Piratenpartei.

Und nun wird die organisatorische und politische Isolierung des Vorstandes spürbar. Es sind keine Strukturen da, die es dem Vorstand ermöglichen würde, politische Positionen zwischen den Parteitagen zu erarbeiten, die von der gesamten Partei getragen werden. Im Grunde entscheidet die persönliche Formulierungsgabe darüber, ob eine Äußerung als kongruent mit den Parteitagsbeschlüssen aufgefasst wird oder nicht.

Der Vorstand treibt in einem Ruderboot auf dem Meer, während die Partei auf ihrem Dreimaster munter weitersegelt. Das Boot des Vorstandes ist lediglich mit einem dünnen Seil am Schiff befestigt. Es kann jederzeit reißen.

Dem Vorstand wird zunehmend ungemütlich in seiner Rolle. Einerseits erwartet die Öffentlichkeit, oder genauer gesagt, die Presse, täglich Antworten auf die Schicksalsfragen der Nation. Andererseits wäre nur der Parteitag berechtigt, eine Antwort zu geben.

Ein Presseteam, Themenbeauftragte und Experten-Pools

Ich wundere mich daher nicht, dass der Vorstand verzweifelt versucht, eigene Strukturen aufzubauen, die es ihm ermöglicht, vor der Presse eine gute Figur zu machen. Da er jedoch weiß, dass die Partei Strukturen und Hierarchien hasst wie die Pest, wird hier vieles unter der Hand abgehandelt, wie zuletzt die Etablierung eines Presseteams. Oder es werden Anträge formuliert, die alle Bedenken der Basis ausräumen sollen, aber genau aus diesem Grunde Misstrauen erregen. Der Alternativvorschlag offenbart schon im Titel das Dilemma, in dem die Partei zurzeit steckt. Dort wird ein Pool von Experten-Scouts gefordert. Wenn schon der Vorstand nicht mehr in der Lage ist, in der Partei die richtigen Ansprechpartner für inhaltliche Fragen zu finden, wie soll sich dann jemand in der Partei zurecht finden, der gerade beigetreten ist – oder ein paar Wochen in Urlaub war?

Kritik an Personen

Die unzufriedenen Stimmen mehren sich. Die Kritik am Bundesvorstand nimmt zu. In erster Linie werden dabei die Personen kritisiert, die zurzeit im Bundesvorstand sitzen. Jeder erwartet, dass die Basis beim Bundesparteitag in Neumünster mit dem Vorstand abrechnen wird. Nun bin ich zwar auch der Meinung, dass Sebastian Nerz nicht mehr für den Vorstand kandidieren sollte, weil er mehrfach Positionen vertreten hat, die ich überhaupt nicht teilen kann. Aber das Problem hängt nicht allein von den Personen ab.

Ein Ökosystem für Andenpakte

Das Problem der fehlenden Strukturen bleibt auch bei einem anderen Vorstand bestehen. Die Medien werden sich stets an den Vorstand wenden, und die Vertretung der Piraten nach innen und außen durch den Bundesvorstand ist auch so in der Satzung vorgesehen. Der Bundesvorstand repräsentiert die Piraten, ob sie dies wollen oder nicht. Man sollte den Vorstand deshalb aus dem Ruderboot heraus an Bord des Schiffes holen – oder anders gesagt. Es müssen endlich Strukturen aufgebaut werden, durch die der Vorstand politisch in die Partei integriert wird. Die Partei hat es bisher versäumt, Strukturen aufzubauen, die Teilhabe und Effizienz miteinander verbinden. Wenn es der Partei nicht gelingt, diese Strukturen aufzubauen, entstehen die Strukturen von selbst. Wenn es nur die amorphe Basis und den Vorstand gibt, werden persönliche Beziehungen die Grundlage für informelle Strukturen bilden. Dann wird es ganz schnell Andenpakte in der Piratenpartei geben.

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(9) Kommentare

Anonymer Benutzer 08.01.2012 16:43
Zum einen können auch Kreisverbände mittels Kreisparteitagen bzw. Kreismitgliederversammlungen eigene Programme geben, die dann u.a. in Kreistagen und Stadtverordnetenversammlungen zum Tragen kommen bzw. in den entsprechenden kommunalen Wahlen dazu.

Zum anderen hat der eine oder andere Landesverband der Piraten das Problem der Positionierung zwischen Parteitagen bereits erkannt und Lösungen erarbeitet, verabschiedet und im Einsatz. So hat Hessen ein virtuelles Meinungsbild entwickelt, was sich an dem GO-Antrag auf Einholung eines Meinungsbildes orientiert. Da dies aber online und über eine Zeitspanne läuft, wurde es etwas modifiziert. Es gibt eine Fragestellung, die mit Ja, Nein oder Enthaltung zu beantworten ist, eine Seite zum Sammeln von Pro- und Contra-Argumenten und einen anonymen E-Mail-Versand an den jeweiligen Stand der Mitglieder.

Der letzte LPT hat diesem Verfahren ein paar formelle Regeln an Zeitdauer und Beteiligungsquoren hinzugefügt, um über diesen erprobten Mechanismus eine politische Positionierung bis zum nächsten LPT zu ermöglichen.

Eine weitere vielleicht sogar verbindlichere Methode wäre die digitale Urabstimmung über das System unserer Kollegen aus der Schweiz mittels PiVote.
Jan Ulrich Hasecke 08.01.2012 17:15
Interessante Hinweise. Danke.
Jan Ulrich Hasecke 08.01.2012 17:47
Wobei so ein Meinungsbild kein Ersatz für sinnvolle Strukturen ist.
Jan Ulrich Hasecke 08.01.2012 17:48
Wobei so ein Meinungsbild kein Ersatz für sinnvolle Strukturen ist.
Anonymer Benutzer 08.01.2012 17:32
Wer glaubt, dass die Kritik am Bundesvorstand zunimmt, hat wahrscheinlich die letzten beiden Bundesvorstände nicht erlebt. ;)
Anonymer Benutzer 08.01.2012 17:39
Auf der einen Seite sagst du durch die Blume der Vorstand sollte mehr Macht haben und die Partei politisch positionieren können, auf der anderen Seite sagst du, dass du selbst gern mit dem Vorstand "abrechnen" willst, weil er in ein paar Aussagen nicht mit deiner Meinung übereinstimmt. Ich will nicht wissen, wie du "abrechnest" bei einem Vorstand der und ständig zu neuen Fragen positioniert und man die eigen Positionierung als erstes aus der Presse erfährt.

Mein Eindruck ist im übrigen, dass sehr viele Leute finden dass unser Vorstand einen sehr guten Job macht und auch die Positionionierung auf den Parteitagen als Handlungsgrundlage des Vorstandes sehr gut funktioniert. Vor allem versucht der Vorstand sich an die Beschlüsse zu halten und die abweichende eigene Meinung auch mal zurückzustellen, und das ist keine einfache Sache, da habe ich wirklich großen Respekt vor, insbesondere bei Sebastian, wie er mit Beschlüssen des letzten BPT so souverän und im Sinne der Parteibasis umgegangen ist.
Jan Ulrich Hasecke 08.01.2012 18:07
Ich hab versucht, deutlich zu machen, dass das Problem nicht von einzelnen Personen abhängig ist. Die Gefahr, die ich sehe, ist, dass wenn die Piraten sich nicht bewusst um die innerparteilichen Strukturen kümmern, irgendwelche Strukturen von selbst entstehen. Zwischen der Basis und dem Vorstand gibt es momentan nichts. Die AGs, in denen selbstorganisatorisch die Willensbildung abläuft, hängen im luftleeren Raum. Bevor wir Parallelstrukturen aufbauen, sollten wir überlegen, wie sich die AGs auf Landes- und Bundesebene besser aufstellen lassen. Willensbildung entsteht ja nicht dadurch, dass man in einem elektronischen Tool abstimmt über eingebrachte Anträge, sondern indem man sich zusammensetzt und etwas erarbeitet. Das gemeinsame Arbeiten scheint an Bedeutung zu verlieren. Einerseits wird mit elektronischen Abstimmungstools an einer Adhocracy gearbeitet, die nichts anderes als eine Art Meinungsumfrage ist. Also qualitativ eher am unteren Ende der politischen Meinungsbildung rangiert. Andererseits entstehen Parallelstrukturen, die dazu dienen sollen, dem Vorstand zuzuarbeiten, wodurch m.E. ein Legitimitätsproblem entsteht.

Wir brauchen funktionierende Arbeitsgruppen, auf Landes- und Bundesebene, die gut miteinander verzahnt sind. Wenn es hier Defizite gibt, sollten wir überlegen, wie wir die beseitigen können. Einfach parallel neue Strukturen schaffen, ist nicht zielführend.
Anonymer Benutzer 10.01.2012 22:47
Was spricht dagegen, wenn der Bundesvorstand Fragen der Presse mit seiner persönlichen Ansicht ausfüllt, wenn die Partei dazu noch keine Meinung gebildet hat?
Sollte den Piraten eine Antwort des Bundesvorstandes nicht passen, ist die Basis aufgerufen einen entsprechenden Antrag zu initiieren und zu beschließen.
Handlungsfähigkeit darf nicht am mangelnden Basisbeschluss scheitern!
Anonymer Benutzer 10.01.2012 22:48
Was spricht dagegen, wenn der Bundesvorstand Fragen der Presse mit seiner persönlichen Ansicht ausfüllt, wenn die Partei dazu noch keine Meinung gebildet hat?
Sollte den Piraten eine Antwort des Bundesvorstandes nicht passen, ist die Basis aufgerufen einen entsprechenden Antrag zu initiieren und zu beschließen.
Handlungsfähigkeit darf nicht am mangelnden Basisbeschluss scheitern!