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Wie aus einer völlig verfehlten Einwanderungspolitik ein Kulturerbe der Menschheit entstand

erstellt von Jan Ulrich Hasecke zuletzt verändert: 11.03.2011 07:38
Im Jahre 2009 erklärte die UNESCO den Tango zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Eine hohe Ehre für den Tanz vom Rio de la Plata, der aufgrund einer völlig verfehlten Einwanderungspolitik entstanden ist.
Wie aus einer völlig verfehlten Einwanderungspolitik ein Kulturerbe der Menschheit entstand

Tangotänzer auf einer Milonga

Am 12. Oktober 1868 wurde Domingo Faustino Sarmiento Präsident von Argentinien. Er übernahm das Amt von Bartolomé Mitre, dem ersten Präsidenten der jungen Republik. Sarmiento war ein sehr gebildeter Mensch, der während der Diktatur de Rosas in den USA und in Europa im Exil gelebt hatte. Um die wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens zu fördern, betrieb er eine offensive Einwanderungspolitik. Er hatte dabei vor allem gebildete Nordeuropäer im Auge, fleißige Deutsche, erfinderische Engländer und philosophierende Franzosen. Überall ließ er für das Einwanderungsland Argentinien werben. Teilweise soll der junge Staat sogar die Kosten für die Schiffspassage übernommen haben. Doch statt der gebildeten Nordeuropäer strömten vor allem Arme und Analphabeten aus Spanien, Italien und anderen süd- und osteuropäischen Ländern scharenweise nach Argentinien.

Bis zur Jahrhundertwende vervierfachte sich die Bevölkerung Argentiniens. Aber die Einwanderer erwartete in Argentinien nicht das versprochene Paradies. Während in den USA Land an Einwanderer verteilt wurde und so eine wirtschaftlich prosperierende Bevölkerung aus vielen kleinen Farmern entstand, war die Pampa Argentiniens bereits unter einer kleinen Clique von Großgrundbesitzern aufgeteilt. Die Einwanderer aus Europa mussten sich also statt auf einer eigenen kleinen Farm in engen Elendsquartieren in den Vorstädten von Buenos Aires einrichten.

Unter die Gestrandeten mischten sich arbeitslose Landarbeiter, die in den Weiten der Pampa aufgrund der Industrialisierung der Landwirtschaft keine Arbeit mehr fanden. Während die Oligarchie der Großgrundbesitzer in diesen Jahren steinreich wurde, fristeten die Einwanderer, die teilweise kein Wort Spanisch sprachen, zusammen mit der verelendeten Landbevölkerung ein tristes Leben ohne jede Perspektive in den Barrios. Die edle spanische Hochsprache verfiel zu einem mit fremden Vokabeln durchsetzten Dialekt der Unterschicht, dem Lunfardo.

Da viele Einwanderer ihre Familien in Europa zurückgelassen hatten, herrschte in Buenos Aires ein großer Mangel an Frauen. Das älteste Gewerbe der Welt florierte. Kriminelle Banden betrieben einen lukrativen Mädchenhandel aus Osteuropa. Sie lockten junge Frauen aus Polen, der Ukraine und Russland mit Versprechungen nach Argentinien und zwangen sie dort zur Prostitution.

In diesem sozialen Brennpunkt, in den multikulturellen Vorstädten, den elenden Barrios von Buenos Aires, unter Zuhältern und Prostituierten, unter ausgebeuteten Arbeitern und arbeitslosen Jugendlichen ist der Tango entstanden. Einer völlig verfehlten Einwanderungspolitik verdanken wir so wunderbare Stücke wie Oblivion von Astor Piazzolla. Tango, Tango Vals und Milonga sind das Ergebnis einer unkontrollierten Einwanderung und einer prekären Parallelgesellschaft.

Ich habe hier bewusst eine Fassung von Oblivion ohne Bandoneon gewählt, um den Deutschtümlern eins auszuwischen, die immer so genau wissen, wer und was zu Deutschland gehört und warum es gut oder schlecht für Deutschland ist, wenn diese zu uns kommen und jene draußen bleiben. Denn das Bandoneon, das Musikinstrument, in dem die Seele des Tangos atmet und dem zahlreiche Tango-Lieder gewidmet sind, wurde in Krefeld von Heinrich Band erfunden und in Carlsfeld im Erzgebirge gebaut.

Mit der Quetschkommode aus Deutschland ist auch die Handwerkskunst der fleißigen Deutschen, die Präsident Sarmiento 1868 nach Argentinien holen wollte, auf vielen Umwegen Teil dieses Kulturerbes der Menschheit geworden.

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