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Goldene Fliege für den Quadriga-Preis

erstellt von Jan Ulrich Hasecke zuletzt verändert: 16.07.2011 20:20
Putin als einen nicht ganz lupenreinen Demokraten zu bezeichnen, ist eine Beleidigung für jeden Demokraten. Putin ist alles, bloß kein Demokrat. Das Preiskomitee des Quadriga-Preises sah dies bekanntlich anders. Ich finde, sie haben für ihre schrullige Entscheidung einen Preis verdient: die Goldene Fliege aus Recyclingmaterial.
Goldene Fliege für den Quadriga-Preis

Foto: Karl-Ludwig Poggemann (flickr/quapan)

Ich kann die Kritik am Komitee des Quadriga-Preises ja durchaus nachvollziehen. Aber sie sind weiß Gott nicht die ersten, die sich in einem Preisträger vertan haben. Niemand anders als das ehrwürdige Nobelpreiskomitee hat doch am tiefsten in die Scheiße gegriffen, als es Barack Obama den Friedennobelpreis zuerkannte. Das ist eben derselbe, der kürzlich den größten US-Militärhaushalt aller Zeiten genehmigt hat und nun jammert, dass er kein Geld mehr für Sozialhilfeempfänger und Kriegsveteranen hat. Das ist eben derselbe, der weder Guantanamo aufgelöst, noch sonst eins seiner Versprechen gehalten hat. Aber gut, das Komitee hat damals ja auch deutlich gemacht, dass der eigentliche Preisträger die ›Hoffnung‹ sei – und die stirbt bekanntlich zum Schluss.

Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, noch nie vom Quadriga-Preis gehört haben, so ist das keine Schande. Im Spiegel kann man nachlesen, welch provinzielle Veranstaltung der Quadriga-Preis der Netzwerk Quadriga gGmbH ist: »Das Netzwerk ist einer jener Clubs in der Hauptstadt, in denen sich vornehmlich männliche Mitglieder ihrer oft vergangenen Bedeutung vergewissern.«

Mit großem Brimborium ehrt also dieser Club der abgewählten Politiker, jedes Jahr zum 3. Oktober, das ist der von Helmut Kohl auserkorene Tag der deutschen Einheit, ein Nationalfeiertag ohne jeden nationalen Bezug, – mit großem Tamtam ehrt die gGmbH also jedes Jahr vier Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kunst.

Das sind nun nicht irgendwelche Persönlichkeiten, wie man sich denken kann, sondern »Vorbilder für Deutschland und Vorbilder aus Deutschland, deren Denken und Handeln auf Werte baut« wie es auf der Website des Vereins so verdächtig pathetisch heißt. Einer der Preisträger, dessen Denken und Trachten auf Werten beruhte, war Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, der im letzten Jahr, nein, nicht für eigene Verdienste geehrt wurde, sondern – geübt ist geübt – die Lorbeeren anderer einheimste und den Preis stellvertretend für die Bundeswehr übernahm. Ein anderer Preisträger, der für seine Werte geehrt wurde, ist Hamid Karzai. Der Verein hatte dabei wohl die Werte im Auge, die Karzai und seine korrupte Familie unter dem Schutz internationaler Soldaten in Afghanistan an sich reißt.

Und nun wollte das Kuratorium in diesem Jahr den russischen Präsidenten und/oder Regierungschef Vladimir Putin ehren, den schon kein geringerer als der ehemalige Bundeskanzler und jetzige leitende Angestellte von Gazprom, Gerhard Schröder, als ›lupenreinen Demokraten‹ bezeichnete. Gerhard Schröder wurde übrigens für das ›Wagnis der Zäsur‹ geehrt, womit wohl die Liquidation des Sozialstaats gemeint ist, eine wahrhaft historische Zäsur, die für alle, die keinen gut dotierten Posten bei Gazprom haben, ein echtes soziales Wagnis ist.

Ich schreibe ›das Kuratorium wollte Putin ehren‹, denn man hat nach dem Aufschrei der Entrüstung wie ein bockiges Kind einfach die ganze Preisverleihung abgesagt. Menschenrechtler schäumten vor Wut. Ehemalige Preisträger wie Václav Havel und der dänische Künstler Olafur Eliasson wollten ihren Preis aus Protest zurückgeben. Jetzt zog der Verein die Notbremse. Aber wenn Putin nicht genehm ist, soll auch der palästinensische Ministerpräsident Dr. Salam Fayyad, die mexikanische Außenministerin Patricia Espinosa und die Lehrerin Betül Durmaz nicht mehr geehrt werden. Begründung: man will die Preisträger schützen – vermutlich vor dem Preis.

Schon drollig, diese Abderiten. Wenn man nun nachfragt, hat niemand Putin vorgeschlagen und alle waren bei der entscheidenden Abstimmung nicht dabei. Nur Margarita Mathiopoulos, ja genau die FDP-Politikerin, die ihre halbe Doktorarbeit abgeschrieben haben soll, verteidigt die Entscheidung. Sie sagte laut Spiegel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: »Sind wir in dieser Republik nicht auch von Politikern wie Hans GlobkeHerbert Wehner oder Joschka Fischer mitregiert worden? Hatten alle drei nicht auch eine kontroverse Vergangenheit?« Selbst unter Abderiten gibt es Unterschiede. Einfache Abderiten, die bloß dumm sind, und zynische Abderiten, die einen Antisemiten und Nazi mit einem zugegeben knorrigen Sozialdemokraten und einem zugegeben windigen Grünen in einem Atemzug nennen und die Vergangenheit eines Globkes nonchalant als ›kontrovers‹ bezeichnet. Der Spiegel bezeichnet sie für soviel geschichtlichen Überblick denn auch süffisant als Historikerin.

Zusammenfassend kann man sagen: Die Republik hat sich erneut blamiert. Wir danken dem Verein und dem hochkarätig besetzten Kuratorium. – Stellvertretend für das Kuratorium von juh's Sudelbuch überreiche ich daher dem Quadriga-Preis für seine Verdienste um das Abderitentum die Goldene Fliege aus Recyclingmaterial. Herzlichen Glückwunsch!

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