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Hochschulabschlüsse vervielfachen (Wahlprogramm der Piratenpartei NRW)

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Aus der Präambel ihres Wahlprogramms leiten die Piraten ein primäres und ganz konkretes Ziel ab. Sie wollen die Zahl der Hochschulabschlüsse erhöhen und gleichzeitig die Qualität aller Abschlüsse steigern.

»Die NRW-Piraten stellen die Bildungspolitik deshalb ins Zentrum ihres politischen Handelns. Wir wollen die absolute Zahl der Hochschulabsolventen sichtbar erhöhen und gleichzeitig die Qualität aller Abschlüsse steigern. Aufgrund des demografischen Wandels sinkt die Zahl der schulpflichtigen Personen. Daher muss die Quote der Hochschulabsolventen innerhalb eines Jahrgangs in den kommenden zwei Jahrzehnten vervielfacht werden, um den Bedarf der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Gesellschaft an gut und sehr gut ausgebildeten Personen zu decken.

Dies soll dadurch erreicht werden, dass mehr Schüler zur Hochschulreife gebracht werden, und so mehr Abiturienten ein Hochschulstudium beginnen. Auch soll die Abbrecherquote massiv gesenkt werden. Darüber hinaus gilt es, die Qualität und Flexibilität beruflicher Ausbildungswege zu erhöhen und diese, wo immer es sinnvoll ist, zu einem Universitätsstudium auszubauen. Letzteres ist vor allem für die Berufe notwendig, in denen eine wissenschaftlich fundierte Qualifikation immer wichtiger wird.«

Die hier formulierten Ziele berücksichtigen einerseits die in der Präambel betonte überragende Bedeutung von Bildung in der Gesellschaft und andererseits die Tatsache, dass aufgrund des demografischen Wandels die Zahl der schulpflichtigen Personen in Zukunft sinken wird. Die Zeiten der starken Jahrgänge, als der Bedarf der Gesellschaft an Hochschulabsolventen und anderen gut ausgebildeten Personen dadurch gedeckt wurde, dass allein aufgrund der großen Zahl immer genügend Personen unser miserables Schulsystem erfolgreich durchlaufen haben, sind vorbei. Oder um es einmal in der menschenverachtenden Sprache der Neoliberalen zu formulieren: die Ressource »Kind« wird seltener und damit kostbarer. 

In den Zeiten der starken Jahrgänge hat man einfach über die Probleme, die sich durch die wachsende Zahl von Jugendlichen ohne Schulabschluss ergaben, hinweggesehen. Man konnte sie in die Ghettos der sozialen Randbereiche abschieben, Wirtschaft und Gesellschaft funktionierten trotzdem einigermaßen. Nun aber kann man sich diesen Luxus nicht mehr leisten. 

Es tut sich in den kommenden Jahrzehnten eine gefährliche Schere auf. Einerseits benötigen wir mehr gut ausgebildete und hochqualifizierte Personen, um unseren materiellen und geistigen Wohlstand auch nur ansatzweise halten zu können, andererseits stehen uns dafür immer weniger junge Menschen zur Verfügung.

Bildungsschere
Einem steigenden Bedarf an Hochschulabsolventen stehen sinkende Schülerzahlen gegenüber. »Die Zahl der Schüler wird bis 2020 um mehr als 2 Mio zurückgehen, bezogen auf das Jahr 2005 sind das 17 Prozent. Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz fallen die Rückgänge in absoluten Größen in Nordrhein-Westfalen (-436 Tsd) (...) am stärksten aus. (Quelle: Demographie als Chance. Demographische Entwicklung und Bildungssystem – finanzielle Spielräume und Reformbedarf. Prognos AG im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit Die Welt). Für die Grafik habe ich lediglich einen mäßig steigenden Bedarf an Hochschulabsolventen in Anschlag gebracht: + 10% bis 2020.

Die einzige logische Konsequenz, die sich daraus ergibt, lautet: die Quote der Abiturienten und Hochschulabsolventen innerhalb eines Jahrgangs muss sich vervielfachen.

Dass dieses Ziel in unserem aktuellen Schulsystem mit den zurzeit veranschlagten Finanzmitteln niemals erreichbar sein wird, dürfte mehr als offensichtlich sein. Die NRW-Piraten fordern daher eine radikale Neuorientierung im Bildungssystem. Wie das im Einzelnen aussehen kann, erfahren Sie in den nächsten Sudeleien.

Zuvor möchte ich jedoch noch auf einen Einwand eingehen, der mit Sicherheit gegen die Ziele der Piratenpartei erhoben werden wird. Wer soll denn bitte schön, wenn wir alle Akademiker sind, die einfache Arbeiten erledigen? Wer soll die Straße kehren, am Fließband stehen, die Regale im Supermarkt einräumen, Alte und Kranke pflegen, die Vorstandsetagen der Konzerne putzen und all die anderen Aufgaben erledigen, die unsere Gesellschaft am Leben erhalten und – so könnte man ironisch hinzufügen – daher im Moment auch so überaus gut bezahlt werden? 

Denkt man den Einwand konsequent zu Ende, enthüllt er seinen ganzen Zynismus. Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der das Bildungsniveau durch ein schlecht bestelltes Bildungssystem niedrig gehalten wird, damit genügend Arbeitskräfte für schlecht bezahlte Jobs zur Verfügung stehen?  Oder wollen wir, dass mehr Menschen durch eine bessere Ausbildung und die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen interessante berufliche Alternativen zur Verfügung stehen, sodass die Löhne für unattraktive Arbeit steigen oder die Arbeitsbedingungen im so genannten Niedriglohnsektor spürbar verbessert werden? Ich persönlich lebe lieber in einer Gesellschaft, in der die Supermarktketten ihre Kassiererinnen angemessen bezahlen müssen,  um überhaupt noch jemanden zu finden, der diese Arbeit machen will. — Und was das in Deutschland immer sehr hoch gehaltene Handwerk anbelangt, so beziehen die NRW-Piraten alle tertiären Abschlüsse, also auch Meisterprüfungen, in ihre Betrachtung mit ein. Auch diese gilt es zu fördern. Darüber hinaus sollte man bedenken, dass im Handwerk die Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse weiter zunehmen wird, sodass auch hier sehr wohl künftig höhere intellektuelle und theoretische Kenntnisse gefordert sein werden.

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