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Teil 2: Nomadenwege und Allopolyploidie

Keine einzige Getreidesorte, weder der Mais Amerikas oder der Weizen Europas und Mesopotamiens, noch der Reis Asiens sind natürlichen Ursprungs. Weizen, Roggen, Gerste, Reis, Mais, Hirse und Hafer – sämtliche Getreidesorten sind Züchtungen des Menschens.

Sie gehören alle zur Pflanzenfamilie der Süßgräser, die mit rund 100.000 Arten in mehr als 650 Gattungen eine der größten Familien innerhalb der Blütenpflanzen darstellt und in jeder Klimazone vorkommt. Uns interessiert ihr Ursprung. Die Frage, wie aus wilden Süßgräsern das erste Urgetreide entstanden ist.

Wir sind in dieser Frage nicht viel klüger, als die Alten, für die das Getreide ein Geschenk der Götter war. Sie wussten ganz genau, dass das Dasein des Korns keine Selbstverständlichkeit war, dass es nirgends wild wuchs, sondern bloß dort den Hunger stillte, wo der Mensch es kultiviert. Während das Wild in den Wäldern und die Fische im Wasser bloß gejagt werden mussten, verlangte das Korn viel mehr von der menschlichen Gemeinschaft und formte sie nachhaltig. Der richtige Zeitpunkt der Saat war ebenso entscheidend für das Überleben der Gemeinschaft wie eine stetige Bewässerung der Felder. Wer einmal beim Fischfang kein Glück hatte, konnte es schon am nächsten Morgen wieder versuchen. War aber der Zeitpunkt der Saat ungenutzt verstrichen, drohte dem Menschen ein ganzes Hungerjahr. Verfehlte der Speer den Hirschen musste sich der Jäger mit kleineren Beutetieren zufrieden geben. War aber ein Feld von einem Unwetter zerstört, gab es nirgends Ersatz.

Wegen all dieser Fährnisse opferten die Alten ihren Göttern, denn sie wussten, dass das Korn sich nicht wie die Tiere an Land oder die Fische im Wasser von selbst vermehrt. Es musste angebaut und gepflegt werden, und das Wissen darüber galt es von Generation zu Generation weiterzugeben. Der Ursprung des Getreides aber lag für die Alten ebenso im Dunkeln wie für uns. Seit mehr als 10.000 Jahren baut der Mensch im Nahen Osten Getreide an. Wie es dazu gekommen ist, wissen wir nicht. Wie sind aus den Samen der Wildgräser, die der erste stärkere Wind fortträgt, größere und ergiebigere Getreidesamen entstanden?

Die Biologie erklärt dies mit dem Begriff der Allopolyploidie. Bei der Allopolyploidie besitzt die Pflanze Chromosomensätze von mindestens zwei verschiedenen Arten. Ein solcher Bastard pflanzt sich in der Regel nicht fort, da die Meiose gestört ist. Wenn sich aber die Chromosomen der Elternarten stark von einander unterscheiden, können auch die Nachkommen fruchtbar werden, sodass eine dauerhafte neue Bastardart entsteht. Polyploide Pflanzen sind häufig ertragreicher als haploide oder diploide, weil die für die Synthese von Proteinen verantwortlichen Gensequenzen gleich mehrfach im Zellkern vorliegen. Bei den Süßgräsern kommt es recht häufig zu einer fruchtbaren Allopolyploidie. Unter den Weizenarten gibt es diploide mit zwei Chromosomenpaaren wie beim Einkorn, allotetraploide mit vier wie bei Dinkel, Emmer und Hartweizen und allohexaploide mit sechs wie bei unserem heutigen Saatweizen. Da die Geschlechtszellen zum Beispiel von di- und triploiden Eltern nicht miteinander verschmelzen können, stellt die Polyploidisierung eine genetische Barriere dar und fördert die Bildung neuer Arten ohne geographische Isolation. Die genetischen Ursachen für die Entstehung der Getreidearten liegen also in den Süßgräsern selbst. Sie bergen in sich die Möglichkeit, sich in Getreide zu verwandeln.

In den Geschichtsbücher heißt es, dass der Mensch irgendwann anfing, diesen Mechanismus, den er noch nicht durchschaute, für die Zucht von Getreide zu nutzen. Der Begriff der Zucht setzt aber – auch ohne Wissen um die genetischen Zusammenhänge – ein gezieltes Handeln voraus, es muss eine bewusste Auswahl und Kultivierung der ertragreichsten Pflanzen durch den Menschen stattgefunden haben. Dies kann aber nicht am Anfang der Entwicklung der Fall gewesen sein. Die Kultivierung und landwirtschaftliche Zucht ist vielmehr das Ergebnis einer Entwicklung, die woanders ihren Anfang genommen hat. Wir müssen uns stattdessen vorstellen, dass der Mensch ursprünglich durch seine bloße Anwesenheit die Pflanzen in seiner Umgebung zu seinen Gunsten verändert hat, dass er völlig unbewusst den Vorgang der Polyploidisierung in Gang gesetzt hat. Wie kann das aber vor sich gegangen sein?

Schauen wir uns an, wie die Menschen gelebt haben, bevor sie Getreide anbauten. Die ersten Menschen waren Nomaden, Jäger und Sammler, die vermutlich in einem jahreszeitlichen Rhythmus mit den Herden ihrer Beutetiere wanderten. Auf ihren weiten Wanderungen werden sie auch die Samen der Süßgräser gesammelt und verzehrt haben. Dabei werden sie natürlich die besonders großen und nahrhaften Samen bevorzugt haben. Um ihre Kinder zu nähren, brachten die Sammlerinnen, denn wir vermuten, dass den Frauen das Sammeln oblag, während die Männer auf Jagd gingen, die besonders großen Körner in ihre Lager entlang der großen Wanderwege. Dabei sind auch immer wieder Körner verloren gegangen und aufgekeimt. Die keimende Pflanze bewahrte die Größe des Mutterkorns, sodass sich mit der Zeit entlang der Wanderpfade des Menschen Wildgräser mit besonders großen Samenkörnern ansammelten, die sich immer wieder mit anderen großkörnigen Gräsern kreuzten konnten, die der Mensch von weit her einsammelte, bis die besonders nahrhaften Süßgräser in der Nähe der Menschen wie von selbst wuchsen. Heutzutage kann man etwas Ähnliches entlang der heutigen Wanderwege beobachten. So siedeln aus fernen Ländern eingeschleppte Pflanzen zunächst bevorzugt entlang von Autobahnen, weil sie von den Lastwagen, die in den Häfen mit Samen behaftete Fracht aus Übersee geladen haben, kilometerweit ins Inland transportiert werden.  Wir stellen uns also vor, dass die Menschen auf ihren Wanderungen Wildgräser aus den unterschiedlichsten Regionen einschleppten, sodass entlang der Wanderrouten des Menschen die Artenvielfalt immer größer wurde. Die höhere Dichte unterschiedlicher Arten begünstigte die Polyploidisierung. Was in den Steppen an weit voneinander entfernten Orten sehr selten passierte, die Vervielfältigung des Chromosomensatzes durch Kreuzung sehr unterschiedlicher Arten, wodurch fruchtbare Bastarden entstanden, konnte entlang der menschlichen Wanderwege sehr viel häufiger geschehen, sodass polyploide Wildgräser schließlich bevorzugt entlang der Wanderwege der Nomaden wuchsen. Und durch die polyploide Artbildung kam es dann endlich zur Ausprägung des ersten Urgetreides. Irgendwann konnten sich die polyploiden Wildgräser nicht mehr mit anderen Wildgräsern kreuzen und es entstanden die ersten Getreidesorten. Das Sammeln besonders nahrhafter Grassamen führte so zu einer Ansammlung besonders nahrhafter Wildgräsersorten entlang der Wanderwege der nomadisierenden Sippen. Dies wiederum erhöhte die Chance, dass sich Pflanzen mit einem passenden polyploiden Chromosomensatz miteinander kreuzen konnten, sodass die zufällig an weit voneinander entfernten Orten entstandenen polyploiden Sorten sich fortpflanzen und eine lebensfähige Pflanzengemeinschaft bilden konnten. Die Wanderwege der Sammler brachten polyploide Einzelpflanzen in eine räumliche Nähe zueinander, die eine kontinuierliche Fortpflanzung erst möglich machte.

Erst nach Jahrtausenden des Sammelns und Verlierens, in denen die Wildgräser wie von selbst immer größer wurden, fing der Mensch irgendwann an, die Süßgräser bewusst auszusähen und das Korn für die Aussaat im nächsten Jahr aufzubewahren. Der Beginn der Kultivierung ging damit dem der Sesshaftigkeit voraus. Bei einer halbnomadisierenden Lebensweise ist es durchaus denkbar, dass aufbewahrte Getreidekörner an bestimmten Stellen ausgesät und die Orte zur rechten Zeit wieder aufgesucht wurden, um zu ernten. Vielleicht wurden einzelne Wächter zurückgelassen, die die Felder bewachen sollten. Da dies wohl nicht genügte, zwang der sporadische Getreideanbau schließlich ganze Sippen zur Sesshaftigkeit.

Es war der Wunsch ungezählter Generationen zu überleben, ihr Hunger nach großen, sättigenden Grassamen, der sie ausschwärmen und sammeln ließ, ihre Furcht vor räuberischen Tieren und Menschen, ihre hoffnungslose Verzweiflung, wenn der Regen ausblieb und die Süßgräser vor der Reife verdorrten, was in Jahrtausenden etwas entstehen ließ, was wir heute in den Geschichtsbüchern mit einem lapidaren Satz über die Kultivierung von Getreidesorten und den Beginn der Sesshaftigkeit des Menschen abtun. Dabei ist hier tatsächlich so etwas wie ein Wunder geschehen. Der Wunsch von Generationen, große sättigende Samenkörnern zu finden und nach Hause zu bringen, ist irgendwann in Erfüllung gegangen. Die unbewusste Auswahl und Akkumulation der größten Körnern in der Nähe menschlicher Siedlungen wurde zu einem tiefen, schöpferischen Eingriff in die Natur, dessen Resultat die Entstehung ganz neuer Arten war. Zwar ist die Natur dem Menschen dabei entgegen gekommen und hat durch die genetische Schranke der Polyploidie die Artbildung begünstigt, aber der Hunger und die Wünsche des Menschen, haben die Verdichtung der Wildgraspopulationen erst in Gang gebracht. Dennoch hat die Natur in gewisser Weise den Wunsch des Menschen erhört und ihm das Getreide geschenkt. In den Demeter-Kulten der Alten findet der ökologisch-genetische Zusammenhang seine mythologische Entsprechung. Selbst heute, wo wir den Prozess verstehen, sind wir an der Bildung neuer Getreidesorten nur zur Hälfte beteiligt, die zweite Hälfte, die Polyploidie und die Artbildung sind eine Folge der natürlichen Gegebenheiten, ein Geschenk der Natur – was heute gerne vergessen wird.

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Die Reise nach Jerusalem
Roman, 150 Seiten
ISBN 3-8311-0321-6

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