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Teil 3: Kreativität der Tradition

Wir sind gewohnt, die Menschheitsgeschichte als eine Abfolge von Erfindungen zu betrachten, die aufeinander aufbauen und das technische Verständnis der Menschen stetig erweitern und immer mehr verfeinern. Was wir dabei aus dem Blick verlieren, sind Veränderungen, die nicht auf Erfindungen basieren, sondern auf ihrem Gegenteil, der Tradition.

So hat das Sammeln und Verspeisen von Wildgräsern über viele Jahrtausende hinweg entlang der Wanderrouten dazu geführt, dass sich in den Erbanlagen der Süßgräser, diejenigen Qualitäten ansammelten, die schließlich zur Ausbildung der ersten Getreidesorten führten. Das Sammeln der Menschen bewirkte eine Ansammlung spezieller Eigenschaften in den Anlagen der Pflanzen. Der Mensch hat dabei den Pfad der Tradition nie verlassen. Er hat jedes Jahr das Gleiche gemacht. Er durchstreifte seine Umgebung auf großen und kleinen Wanderungen entlang der Nomadenwege seiner Urahnen, sammelte an den Rändern seiner Welt die nahrhaftesten Wildgräser zusammen und führte sie auf seinen immer gleichen Wanderungen mit sich. Mit den Tieren, die er jagte, trat der Mensch die Wildpfade in den Savannen und Wäldern. Und entlang dieser Pfade sprossen die verlorenen Grassamen jedes Jahr aufs Neue auf und wurden durch die stetige Einkreuzung mit ebenfalls üppigeren Samen, die der Mensch von den Rändern seiner Welt einschleppte, von Jahrtausend zu Jahrtausend nahrhafter. Diesem Prozess liegt keine Erfindung zu Grunde. Der Hunger setzte ihn in Bewegung. Die aus seiner Bedürftigkeit erwachsene Gewohnheit von den immer gleichen Wanderpfaden aus an die Weltränder auszuschwärmen, um besonders nahrhafte Grassamen zu finden, veränderte über Jahrhunderte die Ökologie der menschlichen Welt und akkumulierte in den Anlagen der Süßgräser das Getreideartige. Erst sehr spät kam eine erste Erfindung hinzu, das eigenhändige, bewusste Aussähen der Samen, und schließlich die kopernikanische Wende der Sesshaftigkeit, der Wandel des Menschen vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern. Nun griff der Mensch noch sehr viel gezielter in die Zucht der Saaten ein, indem er die besten Körner als Saatgut fürs nächste Jahr aufbewahrte und dadurch den Prozess der Veränderung beschleunigte. Aber auch hier stoßen wir vorwiegend auf Tradition, auf überkommenes Wissen. Behalte das Beste zurück, damit du im nächsten Jahr nicht hungern musst. Sähe zur besten Zeit, ernte zur rechten. Die großen Erfindungen, wie die ausgeklügelten Bewässerungstechniken geschahen am Rande dieses Prozesses, nicht im Kern der langsamen genetischen Veränderung. Die planvolle Bewässerung großer Areale schuf erst sehr viel später die Hochkulturen, bildete in einem dialektischen Prozess der gegenseitigen Abhängigkeit Staaten und Königreiche und baute schließlich die Pyramiden, die wir heute noch anstaunen. Die Verbesserung des Saatguts, die Ausprägung unserer heutigen Getreidesorten haben wir jedoch den archaischen Traditionen der Jahreszeiten, dem Sähen, Hegen und Ernten zu verdanken. Der Weizen ist im wörtlichen Sinne aus dem Schweiß des Bauern entstanden. Sein unermüdliches Festhalten an urzeitlichen Gewohnheiten hat neue biologische Arten entstehen lassen. Und die Wildgrassammlerinnen der Vorzeit sind die eigentlichen Schöpferinnen, die Göttinnen des Weizens. Sie haben entlang der Wildpfade des Menschen rharische Felder wachsen lassen. Und die Alten haben diesen vielleicht unbewusst geahnten Zusammenhang im Demeter-Kult und den Eleusinischen Mysterien aufbewahrt. Es war Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit, die Triptolemos und damit den Griechen die Geheimnisse der Landwirtschaft offenbarte. Im Mythos der Demeter und ihrer in die Unterwelt entführten Tochter Persephone haben die Alten die Abfolge der Jahreszeiten und den Kreislauf von Saat und Ernte personifiziert. Darum können wir mit Recht von einer Kultivierung des Weizens sprechen. Denn Aussaat und Ernte wurden von Kulten geregelt, die jahreszeitliche Rhythmen abbildeten. Der in prähistorischen Observatorien beobachtete Lauf der Sonne und der Gestirne oder die eleusinischen Mysterien dienten letztendlich dem Kult des Wachsens und sind eine Vergegenständlichung der Instinkte des Nomaden, der mit den Jahreszeiten wanderte und lebte.

Die Entstehung von Gerste, Emmer, Einkorn und Rauweizen, von Hirse, Reis und Mais gleicht einem kleinen Bach, der in Jahrtausenden ein tiefes Tal ins Gebirge gräbt. Das öko-biologische Wirken des Menschen spielte sich in fast geologisch langen Zeiträumen ab. Die Prozesse der Vererbung, die wir heute ansatzweise verstehen, waren dem Bewusstsein der Nomaden und ersten Siedler nicht zugänglich. Sie spielten sich hinter dem Schleier der Zeit ab und wurden als Mythen erzählt und in Mysterien erfahren. Kulte und Mythen sind jedoch erste Stufen der Erkenntnis, und sie stehen damit am Ende eines Erkenntnisprozesses. Selbst die ältesten Kulte reichen nicht in die Zeiten zurück, in denen der Mensch das erste Getreide entstehen ließ, indem er wilde Süßgräser sammelte und durch seine Auswahl einen genetischen Veränderungsprozess in Gang setzte.

Ganz anders heute. Die Vererbungslehre des beginnenden Industriezeitalters und die moderne Genetik haben den Zuchtprozess beschleunigt. Wir sind mittlerweile in der Lage, innerhalb weniger Jahre Nahrungsmittel mit völlig neuen Eigenschaften zu erzeugen. Die Göttin Demeter wird von neuen Göttern bedrängt, von Genkonzernen wie Monsanto, die ihr Wissen für brachiale Gewalttaten missbrauchen, indem sie Mais herstellen, der selbsttätig Insektengift produziert oder – wie praktisch – gegen Monsanto-Herbizide immun ist. Nicht der Hunger treibt diese Konzerne an, sondern die Gier nach Gewinn. Vergessen wird dabei, welchen Schatz die ›natürlichen‹ Lebensmittel darstellen, die der Mensch durch sein Dasein, seine Arbeit und seinen Hunger entstehen ließ. Vergessen wird dabei auch die andere, wichtigere Hälfte der Artbildung, die Handreichung der Natur. Nur weil sie den Anteil der Natur unterschlagen, können die Gen-Konzerne auf ihre Züchtungen Patente anmelden, so als ob die neuen Sorten wirklich ihr Werk wären. Doch das sind sie nicht einmal zur Hälfte, da der Ausgangspunkt der Manipulationen, die hergebrachten Getreidesorten die akkumulierte Arbeit zahlloser Generationen darstellt, die von den Konzernen einfach privatisiert wird. Die Konzerne nutzen die Arbeit der vorausgegangenen Generationen und die Gunst der Natur für ihre eigenen Zwecke, ja sie glauben sogar, die Natur zu beherrschen und behandeln sie wie einen Tributpflichtigen – eine abstoßende Hybris, die wir mit einer Strafe ahnden sollten, die schon die Alten kannten, der Verbannung.

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Roman, 150 Seiten
ISBN 3-8311-0321-6

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