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Teil 4: Entfremdung

Natürlich ist es nicht das Brot allein, das wir unseren Vorfahren verdanken, aber es ist das Symbol für die Gesamtheit unserer Kultur, die wir als die unsrige begreifen, obwohl wir das Meiste davon bloß geerbt haben. Die ehrlichste Religion wäre daher ein Ahnenkult, der sich vor den titanischen Leistungen der ungezählten Generationen, die uns vorausgingen, verneigen würde.

In einer Zeit, in der wenige Jahrzehnte ausreichten, um das Antlitz unseres Planeten so fürchterlich zu verunstalten, in der Metropolen in einem Dutzend Jahren aus dem Nichts entstehen und immer höhere Wolkenkratzer im Jahresrhythmus in die Höhe schießen, in einer Zeit der exponenziellen Beschleunigung des Aufbaus und der Zerstörung, ist es nicht überraschend, dass der Mensch jedes Maß verliert und glaubt, er selbst sei seines Glückes Schmied. Er vergisst die Leistungen der Vorausgegangenen, unterschätzt ihren Wert und verfällt einer vereinsamenden Hybris. Er ist einsam, weil er sich nicht mehr als Teil einer langen Kette begreift, nicht damit zufrieden ist, das Bestehende zu bewahren, und so ganz langsam Gras in Getreide zu verwandeln, worin wahre Kreativität besteht. Stets möchte er der Erste sein, auf Bodenlosem Neues schaffen, Altes überwinden. Darin gründet unsere heutige maßlose Entfremdung. Wir verhalten uns wie Wesen ohne Herkunft, wie autochtone Aliens, die aus dem Nichts auftauchen.

Es gibt kein Zurück. Und für Anachronismen läuft uns die Zeit davon. Dennoch ist es hilfreich zurückzublicken. Wenn wir erkennen, wie viel wir den Generationen vor uns verdanken, zeigen sich die Patentansprüche der Genkonzerne als das, was sie sind, als eine dreiste und perverse Usurpation und Enteignung der ganzen uns vorausgegangenen Menschheit. Das Bewusstsein, von der Arbeit der ungezählten Generationen vor uns zu profitieren, schärft vielleicht den Blick dafür, dass auch nach uns Generationen kommen, die nur dann überleben können, wenn wir erkennen, dass wahrer Reichtum nicht in einer Vervielfachung der Kapitalrendite besteht, sondern in unserem zivilisatorischem Erbe, dass wir vor lauter Gier nicht verspielen dürfen.

An dieser Stelle sei betont, dass eine solche Sichtweise sich nicht mit dem christlichen Glauben und seiner Forderung nach Bewahrung der Schöpfung deckt. Unser Standpunkt kennt kein absoluter. Das Christentum hat mit Demeter gebrochen, es hat die eleusinischen Mysterien und die Traditionen der Alten zerstört, es hat sich wie ein autochtoner Alien aufgeführt. Das Christentum will nicht die Schöpfung bewahren, sondern bloß die Deutungshoheit darüber mit Gewalt zu erringen. Das Christentum weiß noch nicht einmal anzugeben, was mit ›Schöpfung‹ überhaupt gemeint ist. Zählt es das Getreide — wie wir gesehen haben, zumindest teilweise ein Werk des Menschen — zur Schöpfung hinzu? Ist Genmais Teil der Schöpfung, und wenn nicht, warum nicht? All diese Fragen kann das Christentum nicht beantworten. Wenn wir uns aber bewusst sind, wie Getreide entstanden ist und mit welcher Hybris Monsanto und andere Konzerne Getreidesorten als ihr Eigentum ansehen, so haben wir genügend Argumente, um die Usurpatoren in die Schranken zu weisen.

Unser Standpunkt ist anders als der des Christentums ein relativer, er vergleicht das schmale Hier und Jetzt mit dem breiten unüberschaubaren Gestern und verbindet damit das eigene Sein mit dem Sein derjenigen, die vor uns lebten. Die Vergangenheit bleibt so in der Gegenwart anwesend. Das mag in einer Zeit, in der alle gebannt auf die Zukunft und ihre imaginierten Errungenschaften starren, altertümlich klingen. Da jedoch die Zukunft noch nicht ist, ist der sture Blick nach vorn immer auch ein Blick ins Nichts, vor dem uns vielleicht mit Recht graut. Ohne Furcht, aber auch ohne Hybris, kann nur der nach vorne schauen, der sich von der Vergangenheit getragen weiß.

Artikelaktionen

Sehr gute Artikelfolge!

Kommentar von Anonymer Benutzer am 05.03.2009 21:55
Die vier Getreideartikel verdienen ein herzliches Lob. An Fakten habe ich manches gelernt, an den Ansichten des Autors ist vieles plausibel und durchdacht.
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