Teil 1: Brotbacken
Wer sein Brot selbst backt, hat sich vielleicht schon einmal über die Einfachheit gewundert, die ein solches Werk auszeichnet.
Selbst die Zubereitung von Sauerteig, für das Backen von Roggenbrot unentbehrlich, ist verblüffend einfach; eine Handvoll Mehl und etwas Wasser genügen. Beides wird vermischt und einige Tage stehen gelassen, bis die Mischung von selbst anfängt zu gären. Nun gibt man jeden Tag etwas Mehl und Wasser zur Mischung hinzu, bis man schließlich die für das Backen eines Brotes erforderliche Menge an Sauerteig erhält. Diesen Brei vermischt man mit Roggen- und Weizenmehl, Wasser und Salz und knetet daraus den eigentlichen Brotteig. Anschließend stellt man den Teig an einen warmen Ort und wartet, bis er aufgeht. Dann knetet man den Teig erneut durch, formt einen Brotlaib, heizt den Ofen an, wartet, bis der Laib erneut etwas aufgegangen ist und schiebt ihn in den heißen Ofen, wo er zu Brot ausgebacken wird. Das ist alles. Es gibt kein Geheimnis. Außer Geduld ist keine besondere Fähigkeit vonnöten, um sein Brot selbst zu backen. Natürlich macht Übung den Meister. Die Handgriffe, mit denen man den Teig bearbeitet, wollen gelernt, das richtige Verhältnis von Wasser, Mehl und anderen Zutaten will gefunden und die richtige Temperatur, bei der ein Sauerteig sich besonders gut entwickelt, will eingehalten werden. Doch das Grundprinzip ist einfach. Seit Tausenden von Jahren backen die Menschen auf diese schlichte Art und Weise ihr Brot. Erst die moderne Nahrungsmittelindustrie machte aus dem einfachen Vorgang des Backens einen komplizierten Prozess, in dem bedenkliche Chemikalien die Geduld des Bäckers ersetzen.
Die Gewissheit, sein täglich Brot selbst backen zu können, ist ein gutes Gefühl. Das Werk macht satt, es schmeckt und es befriedigt. Inmitten unserer bedrängenden Zivilisation fühlen wir unsere ursprüngliche Freiheit als tätiger Mensch und sind für einen Augenblick unser eigener Herr. So wurde das selbst gebackene Brot zu einem Symbol zivilisationskritischer Bewegungen des letzten Jahrhunderts. Es steht für eine Rückbesinnung auf einfache Lebensentwürfe und naturnahes Wirtschaften. Für den in industrialisierten Verwertungszwängen und arbeitsteiligen Produktionsprozessen eingepferchten Menschen des 20. Jahrhunderts war es zudem ein Symbol für ein ganzheitliches, ursprüngliches Dasein, das durch die Industrialisierung verloren gegangen war. Als Protestbewegung waren die zivilisationskritischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts ein teils bewusster, teils naiver Anachronismus. Nur für den zivilisationsmüden Blick liegt im Brotbacken etwas Ursprüngliches. Denn wer ein wenig tiefer blickt, entdeckt hinter dem einfachen Vorgang des Brotbackens eine schier unendlich erscheinende Kette von Abhängigkeiten, einen Abgrund angefüllt mit den Generationen, die vor uns lebten und ohne die wir niemals in der Lage wären, unser täglich Brot zu backen. Wir verdanken die Freiheit, unser tägliches Brot selbst zu backen, nicht nur dem Landwirt, der das Getreide angebaut, dem Müller, der es gemahlen, und dem Händler, der uns das Mehl verkauft hat. Die Spezialisierung der Menschen, die Arbeitsteilung der Gesellschaft, die Industrialisierung der Landwirtschaft, des Handwerks und des Vertriebs sind sehr späte Erscheinungen. Sie stehen nicht am Anfang, um den es uns geht. Sie bilden nicht die vollständige Kette aus Generationen, die uns mit dem Ursprung verbindet. Wir stehen nicht nur in der Schuld all derjenigen, die die verschiedenen Fertigkeiten des Säens und Erntens, des Mahlens und des Handelns entwickelt und dann von Generation zu Generation weitergegeben haben. Obwohl schon die Reihe dieser Vorfahren allein uns klarmachen sollte, dass wir unser täglich Brot nicht durch unsere eigene Arbeit verdienen, sondern einer fast anfangslos erscheinenden Tradition, der Arbeit von Generationen verdanken. Wir aber suchen das, was dieser Tradition vorausging. Es geht uns um das Getreide selbst.


