Der Bajuwar im Menschen

Der Volksstamm der Bajuwaren hat gewählt. Und ein echter Bajuware wählt natürlich nur eine echt bajuwarische Partei, und da gibt es bekanntlich nicht viel Auswahl. Doch gibt es ihn eigentlich noch, den Bajuwaren? Oder ist dieser Volksstamm durch die angeblich so erfolgreiche Wirtschaftspolitik der CSU-Landesregierung, die High-Tech-Firmen wie Genmanipulateure und Computerfirmen ins Land holte, rassisch mit anderen Menschentypen durchmischt worden?

Es hat ganz den Anschein. Denn der oberste Bajuware, Edmund Stoiber, gleicht kaum noch dem gedrungenen, übergewichtigen, schwerfällig-cholerischen, stets dem Hirnschlag nahen bajuwarischen Menschentyp, den Franz Josef Strauss wie kein anderer so überaus typisch verkörperte. Schon Streibel zeigte deutliche Anzeichen des Übergangs vom Bajuwaren zum Menschen und Edmund Stoiber könnte auch Buchhalter in einer Düsseldorfer Werbeagentur sein. Bayern ist also nicht mehr das, was es früher einmal war. Ganz Bayern ist bajuwarenfrei.

Doch wohin ist er geflohen, der Bajuwar? In die Berge? In die Wälder? In die Vorstädte? Nein, er ist zu einem Inkubus geworden, er lebt parasitär im modernen Menschen weiter, er hat von ihm wie ein Werwolf Besitz ergriffen. Und alle vier Jahre (in Zukunft nur noch all fünf Jahre) bricht bei Vollmond aus dem Menschen der Bajuwar hervor, der von einem unwiderstehlichen Drang gezogen ins nächste Wahllokal läuft und sein Kreuz, denn schreiben kann er nach der Verwandlung ja nicht mehr, neben der CSU macht. Dann sinkt der Bajuwar, befriedigt wie Bill Clinton, wieder in den Menschen zurück und gibt für die nächsten vier Jahre Ruhe. Gut versteckt hat so der Bajuwar 50 Jahre Bundesrepublik mitten im Speck unbeschadet überlebt.

Der Ossi, eine vom Aussterben bedrohte Menschenart zwischen Elbe und Oder, hat eine ähnliche Überlebensstrategie entwickelt. Auch er hat sich in dem modernen Homo sapiens sapiens verkapselt und bricht dort alle vier oder fünf Jahre hervor, um sein Kreuz neben der PDS zu machen.

Unverkapselt lebende Bajuwaren trifft der Ethnologe nur noch selten in freier Wildbahn an. Renate Schmidt ist eins der letzten weiblichen Exemplare, das alle körperlichen Merkmale des Bajuwaren in voller Ausprägung zeigt. Dass aber auch sie keine reinrassige Bajuwarin mehr ist, zeigt nicht nur ihr Name, sondern auch ihre Mitgliedschaft in einer nicht-bajuwarischen Partei.

Der Bayer mit seinem inneren Bajuwaren ist jedenfalls zufrieden mit Edmund Stoiber. Man lebt im Fett und lässt es sich gutgehen. Außerhalb Bayerns dürfte allerdings das so offen zur Schau getragene Wohlstandswohlgefühl auf lebhaftes Interesse stoßen. Denn wem es so gut geht, der kann doch wohl durch den Länderfinanzausgleich nicht übermäßig belastet sein.

– Noch 13 Tage… – Solingen 14. September 1998